

[Text: Oliver Kalkofe, mit freundlicher Genehmigung von kressreport.]
Ich liebe es, wenn ein Jahr zu Ende geht. Egal wie vermurkst und unbedeutend es im Grunde auch gewesen sein mag, wenn erst die medialen Bedeutungsträger und stolzen Überlebenden der letzten 365 Tage fett lächelnd auf den ehrwürdigen Jahresrückblick-Sitzgruppen hocken, in bunten Rückblicken gefeiert und mit Preisen beworfen werden, dann ist man als fauler Zuschauer doch auf seltsame Art stolz, dabei gewesen zu sein, auch wenn man selbst den Arsch mal wieder nicht hoch bekommen hat. Aber man hat das zurückliegende Monatsdutzend zumindest großzügig mit den Helden geteilt und sich zu ihren Gunsten respektvoll und dezent im Hintergrund gehalten. Passiver Aktivismus gewissermaßen.
Emotional und im Herzen ganz tief drinne berührt war ich allerdings, als gegen Ende 2007 eine der bedeutendsten und wahrscheinlich wichtigsten Auszeichnungen Deutschlands seit 1945 überreicht wurde: der ‚Ehren-Bambi für Courage’ an Tom Cruise! Nicht für seinen Mut, in einer Welt des Zynismus und medialen Unterschichtentums tapfer gegen den Trend reich, smart und verdammt gut aussehend zu sein. Auch nicht dafür, dass er immer noch Scientology treu ist, obwohl man vom Verfassungsschutz ja nicht nur Positives über die hört. Nein, er war noch viel, viel mutiger. Denn der verrückte Teufelskerl hat sich getraut, für nur 50 Millionen Dollar die Rolle des versuchten Hitler-Attentäters Stauffenberg anzunehmen, dem Einäugigen unter den Blinden in der Führungsriege des Dritten Reichs. Was übrigens – für alle jüngeren Leser – schon einige Zeit her ist, ich glaube das war sogar noch vor der Großen Koalition, als dieser kleine Irre mit der frechen Rotzbremse das Sagen hatte und die Welt mit Schmackes in den Untergang marschieren lassen wollte. Jetzt gerade den Typen zu spielen, der jenen größenwahnsinnigen Vollzeit-Irren vorzeitig in die Ewigen Führungsgründe befördern wollte, ist natürlich sehr tapfer. Viele junge Neo-Nazis sind selbst heute noch sauer auf den. Und außerdem: wer spielt schon gerne Helden? Das hat bislang noch kein Hollywood-Star gewagt!
Wie sagte doch FAZ-Herausgeber und neuer best buddy des sympathischen Scientology-Thetan in seiner Laudatio so richtig: dieser Preis sei nicht nur richtig, sondern ‚zwingend’, weil durch die Cruise-Interpretation des aufrichtigen germanischen Widerständlers das Bild des Deutschen in der Welt mehr geprägt werden wird als durch hundert andere Filme oder tausend FAZ-Artikel zu diesem Thema. Wenn nicht sogar mehr als durch den Zweiten Weltkrieg selbst. Amerikaner sind ohnehin die besseren Deutschen.
Mutig, dieser Bambi. Nicht nur trotzt er als Medienpreis seit Jahrzehnten den teuflischen Verlockungen, vielleicht auch mal den Nachwuchs, die Außenseiter oder überhaupt irgendjemanden zu ehren, der nicht bereits Super- bis Megastar ist und ohnehin schon alle Preise bekommen hat. Nein, er hat auch keine Angst, selbst die absurdesten neuen Kategorien für den alles heiligenden Selbstzweck zu kreieren oder sich lächerlich zu machen, nur um damit jemanden wie den gewaltigen Cruiser zum Auftauchen auf der Kitsch-Kitz-Party zu bewegen. Chapeau! Und diese pompöse Glamour-Gala der gekauften Freundlichkeiten brav bis zum eitlen Ende auszusitzen, ist wahrscheinlich allein schon die Trophäe wert. Dabei zudem der Sprache nicht mächtig zu sein, macht es zudem nicht einfacher, darf über weite Strecken allerdings als Gnade angesehen werden.
Ich möchte diese Zeilen jedoch nicht als Spott oder Häme missverstanden sehen. Im Gegenteil. Ich finde es sehr mutig, solch einen Mut-Preis überhaupt ins Leben zu rufen. Und damit sollte man auch im neuen Jahr nicht einfach so aufhören, denn gerade Auszeichnungen für Courage und wahnwitziges Tausendsassatum müssten noch viel öfter verliehen werden. Unser Land braucht Helden, an die wir glauben können, selbst wenn es keinen Sinn macht. 2008 sollte deshalb für uns alle das Jahr des Mutes werden. Wenn nicht repräsentiert durch das furchtlose güldene Reh, dann vielleicht durch die tapfere Maus, beispielsweise in Bronze für Kerners Mut, damals Eva Herman einzuladen. Und dann in noch in Silber für die Chuzpe, sie während der Sendung spontan vorbereitet rauszuschmeißen, und in Gold für alle anderen Moderatoren, die sie todesmutig ignorierten und damit auf tolle Quoten und Schlagzeilen verzichteten. Oder den heroischen Hasen an Heidi Klum, die Klitschkos und Gottschalk, für genügend Kohle ihre freundliche Grinsefresse inzwischen wacker wirklich jeder noch so doofen Produktwerbung zur Verfügung zu stellen, egal wie sehr man über ihre Käuflichkeit spottet. An RTL, SAT 1 und Pro7, billige Idioten-Programme zu produzieren, von denen sie wissen, wie menschenunwürdig bescheuert sie sind, nur um die Kosten zu senken und ihren Aktionären am Jahresende einen fetten Gewinn präsentieren zu können. Oder an ARD und ZDF, mutig die ganze Chose auszusitzen und bloß nichts besser zu machen, obwohl sie es theoretisch könnten und sogar müssten.
Und vielleicht zum Abschluss einen Ehren-Courage-Bambi an mich, weil ich mir durch diesen Text jegliche Chance verspielt habe, jemals einen Bambi zu bekommen. Vielen Dank.
