

[Text: Oliver Kalkofe, mit freundlicher Genehmigung von CINEMA.]
Geschafft! Wieder eine Berlinale abgehakt und ohne Augenschaden oder Alkoholvergiftung überstanden. Puh! Zwei Wochen Feiern, Fressen, Filme gucken – die Berlinale ist halt nichts für Mädchen. Und wer sein Promi-Party-Pilgern und Kamikaze-Cocktails-Saugen im Fließband-Feten-Modus mit kultureller Dauererektion nicht auf ein gesundes Maß zu reduzieren wusste, sah nach 14 Tagen Fröhlichkeit am Ende aus wie die Rolling Stones auf dem Roten Teppich beim Eröffnungsfilm.
Denn - das sollte man mitbekommen haben – hinter uns liegt die musikalischste Berlinale aller Zeiten! Snacks & Drinks & Rock’n’roll, yeah, man! Weil nämlich so viele Musiker da waren wie noch nie, z.B. Madonna, Patti Smith, Madonna, die Rolling Stones, Madonna oder auch die legendären Lederlappen-Visagen rund um Mick Jagger. Allerdings verwunderte es schon ein klein wenig, dass ihnen die Ehre der Festival-Eröffnung mit einem ihrer Konzert-Live-Mitschnitte SHINE A LIGHT zuteil wurde, aber okay, wenn Martin Scorsese himself Regie dabei führt, kann man nun mal nix dagegen sagen. So was Hochklassiges kriegen dann halt doch nur die Amis hin, wir hätten das nicht zu bieten. Vielleicht Wim Wenders, der die Tour von Tokio Hotel begleitet. Oder Helmut Dietl inszeniert Die Flippers live. Höchstens noch Bully dreht ein Ballermann-Open Air von DJ Ötzi als Animationsfilm.
Einen Abend vorher war Scorsese übrigens auch schon da gewesen, um von Mario Adorf, der zuvor von Thomas Gottschalk angepriesen wurde, die Goldene Kamera überreicht zu bekommen, die er dann Robert de Niro überreichen durfte. Das hatte was von Laudatoren-Staffellauf, kann aber passieren, wenn zu viele Promis in der Stadt sind. Dafür ist Berlin wahrscheinlich einfach zu klein.
Im Grunde ist das ja auch immer ein bisschen das Problem der Berlinale: man will einerseits so viele Gründe zum ausgiebigen Feiern wie nur möglich, Herdenauftriebe internationaler Superstars, volle rote Teppiche und erblindendes Blitzlichtgewitter der übermotivierten Boulevard-Journaille, andererseits aber künstlerisch wertvolle Kinoperlen mit Verstand und politischer Aussage, die den seriösen hauptberuflichen Filmkritiker-Muffel ebenso überzeugen wie den extra aus Potsdam angereisten Waldorfschul-Lehrer. Schwer, es da allen Recht zu machen.
Egal, nach dem rockigen Geröllheimer Methusalem-Komplott ging es dann richtig los, und ich schaffte diesmal sogar ein paar Filme. Zum Beispiel ELEGY mit Ben Kingsley als alterndem Professor mit Kribbeln im Schritt, der sich in so junge wie wunderschöne Studentin Penelope Cruz verliebt. Klingt erst mal eher langweilig und wie schon ein paar Mal zu oft gesehen – ist es aber glücklicherweise nicht. Denn es handelt sich um die Verfilmung eines Romans von Philip Roth mit messerscharfen Dialogen, bei der schnell klar wird, dass es um mehr geht als die geifernden Gelüste eines verwelkenden Alpha-Männchens oder den gern gezeigten PC-Busen. Nämlich um Liebe, Leben, Sex, Tod, Einsamkeit, Verzweiflung, Alter, Jugend, die Zeit dazwischen und die danach. Eigentlich um alles. Außer Musik. (Von mir dafür 4 von 5 perfekten Brüsten, die zum Philosophieren einladen).
Trophäen gab es dafür leider keine, stattdessen ging der Silberne Problembär für beste schauspielerische Leistung an die überoptimistische Britin Sally Hawkins in HAPPY GO LUCKY vom filmischen Sozialarbeiter Mike Leigh. Allerdings muss ich gestehen, dass ich den nur schwer in voller Länge ertragen habe. Zwei Stunden über eine Frau, die immer guter Laune ist! Ende. Vielmehr passiert eigentlich nicht. Und so sehr ich persönlich auch Menschen mag, denen die Sonne aus dem Hintern strahlt, und so entwaffnend sympathisch das hyperaktive Heiterkeits-AKW auch sein mag - irgendwann geht einem selbst die positivste Lebenseinstellung bei endloser Dauergutdraufigkeit einfach nur noch tierisch auf die Eier. Vor allem wenn der strahlenden Kicherliesel sonst nichts passiert. Außer dass sie lebt. Und gut drauf ist. Ich war es nach zwei Stunden jedenfalls nicht mehr. (2 von 5 Smileys, die eins in die Fresse gekriegt haben.)
Am gleichen Abend hatte ich dann auch noch das Vergnügen mit JOHN RAMBO, der aber glaub ich außer Konkurrenz lief. Auf jeden Fall bekam er am Ende keinen Bären, aber wahrscheinlich hätte er ihn sowieso nur erschossen. War allerdings ein schönes Kontrastprogramm: nach einer Frau, die immer gut drauf ist, ein Mann, der immer scheiße drauf ist. Und bewaffnet. Was den Film leider auch nicht besser macht. Im Gegenteil. Fast hätte ich mir bei der depressiven X-treme-Pisslaune von Schwellkörper Stallone die gnickernde Lady Lachsack zurückgewünscht. Viel überraschender war die Handlung bei Bruder Moppelmuskel nämlich auch nicht: Rambo bringt in Thailand ein paar Amis wo hin, die werden entführt, dann holt er sie wieder raus und bringt alle anderen um. Abspann. Wobei er auch nur unwesentlich mehr spricht als der durchschnittliche Pantomime im Stadtpark. Ultrabrutal-ironiefreie Splatter-Action, der richtige Film für alle, die auch gern mal zuhause mit der Freundin am Valentinstag ein Schwein schlachten. (Dafür nur 1 von gefühlten 500 in blubbernden Blutfontänen explodierenden Schurkenleibern).
Bleiben wir zumindest titeltechnisch beim Thema: THERE WILL BE BLOOD! Doch auch wenn die vergossenen Körperflüssigkeiten eher in Richtung Schweiß mit Sand-Rohöl-Peeling gehen, die Wirkung ist um einiges imposanter. Denn was Daniel Day Lewis hier als eiskalter Urahn von J.R. Ewing im Rausch nach Macht und Reichtum auf die Leinwand knallt, ist schlichtweg phänomenal (5 von 5 Einladungen zum Ball der Ölbarone). Einen Preis gab es für ihn trotzdem nicht, aber wenigstens noch für die beste Regie (P.T. Anderson) und die zumindest arg gewöhnungsbedürftige Musik (die übrigens amüsanterweise in der Pressevorführung zu zahlreichen Pfiffen der Journalisten führte, die sie für eine Tonstörung hielten, hihihi).
Den Hauptgewinner habe ich konsequenterweise wie jedes Jahr verpasst (TROPA DE ELITE aus Brasilien), erfreute mich aber stattdessen noch am Abschlussfilm BE KIND REWIND, in dem Jack Black und Mos Def für eine Videothek Klassiker der Filmgeschichte als Eigenproduktion nachstellen müssen (sogenannte ‚sweded versions’ – ruhig mal im Internet suchen!). Das ist grandios, der Rest drum herum eher mittel (3,5 Schwedenpunkte), war allerdings ein schön alberner Abschluss für eine wie immer sehr verkopft-verkaterte und für Leber und Geist ziemlich anstrengende Berlinale. Aber ehrlich gesagt – ich könnt’ schon wieder!
